Manchmal ziehen unsere Gedanken Kreise. Unser Herz schweigt still. Unser Kopf übernimmt das Zepter und versuchst, uns einen Weg zu weisen. Im Leben. Mit unseren Hunden. Eine Antwort auf ungestellte Fragen zu finden. Dem Verstand gelingt das, leider, nicht ganz so gut. Vernunft und Gefühl sind zwei verschiedene Dinge. Zusammen sind sie unschlagbar. Einzeln jedoch verloren. Wir brauchen die Gesamtheit unseres „Selbst“ um zu wissen, was wir wollen und wie wir es erreichen. Körper, Geist und Seele- vereint und in sich ruhend. Hast du dich auch schon mal verloren? Waren dein Kopf und dein Herz schon einmal getrennt? Wie hast du wieder zu einer Einheit zurückgefunden? Welche „Kopf- Entscheidung“ hast du im Leben mit deinem Hund schon einmal getroffen und hat sie dir geholfen?
In solchen Momenten sind wir sehr verletzlich. Wir sind nicht wir selbst. Wir stehen neben uns. Kreisen um unsere Mitte und finden den Weg zurück nicht mehr. Und dann passiert es: Wir bekommen ungefragt Kommentare. Wir werden bewertet, verurteilt, begutachtet und kritisiert. EINFACH jeder hat eine Meinung zu uns und unserem Leben. Und einfach JEDER meint, wir müssten ihm zuhören und genau seine Impulse annehmen. Und ABSOLUT Jeder hat die Wahrheit zu berichten. Es bringt uns ins Wanken. Wir fangen an zu schwanken. Kommt dir das bekannt vor? Wann hast du selbst im Leben mit deinem Hund das schon mal erlebt? Welche Kommentare zu dir und deinem Hund sind dir im Gedächtnis geblieben?
Wir reagieren empört, ablehnend und verneinend. Nein, das kann nicht stimmen! Was da gesagt wird ist quatsch! Wir weisen es von uns mit aller Kraft.
Wir zweifeln uns an. Was, wenn ein Fünkchen Wahrheit in dem steckt, was da gesagt wird? Sind wir so blind gewesen? Haben es nicht gesehen? Sind so unfähig und inkompetent? Wir stehen still. Unfähig uns in eine Richtung zu bewegen. Nicht wissend, was zu tun ist.
Wir ziehen uns zurück in unser Schneckenhaus. Wir haben keine Kraft für die da Draußen. Dann soll niemand uns sehen. Niemand wissen, was wir denken und uns schon gar keiner mit unseren Hunden erleben.
Und manchmal, ganz selten, lachen wir darüber. Das kann ja nur ein Scherz sein! Das meint er ja nicht ernst! Ach komm, so schlimm sind wir nicht! Wir schmunzeln, ziehen die Aussage ins Lächerliche und winken ab.
Moment. Atmen. Innehalten. Stille. Diese Reaktionen sind mir nur all zu vertraut. Benutzen sie doch auch unsere Hunde in Situationen, die sie überfordern. Fight. Freeze. Flight. Fiddle. Übersprungshandlungen unserer Streßregulation. Emotionale Bewertung des Unterbewusstseins. Doch was, wenn wir mal nicht diesen Reaktionen folgen? Was, wenn wir innehalten? Atmen und warten, bis der Sturm der Emotion legt? Was bleibt dann übrig? Früher war ich die Kategorie „Fight“. Als erstes ploppt in meinem Herzen immer noch der kleine „Punker“ auf. Der Kleine schreit „Ich bin dagegen!“. Prinzipiell! Immer! Erst handeln, dann denken, ist die Devise. Laut und emotionsgeladen waren dementsprechend meine Antworten auf ungefragte Kommentare. Konstruktiv war das niemals. Bereut hab ich es immer. So möchte ich niemanden begegnen. Denn auch ich möchte so nicht angeschrien werden.
Zweifeln wäre die nächste Option. Zweifel, Sorgen und Ängste helfen uns jedoch nicht weiter. Sie blockieren den Weg zurück in unsere Mitte. Sie ziehen uns hinab in einen Strudel aus dunklen Emotionen. Wir werden handlungsunfähig. Sitzen in einer Ecke und wissen weder ein noch aus. Es folgt der Rückzug. Wir geben nach und werden verbittert. Wir wenden uns ab von der Welt. Ohne Hunde, welche uns zum Rausgehen bewegen, wäre dies eine einfache Lösung um nicht mehr mit den Stimmen im Außen klarkommen zu müssen. Doch Hunde holen uns immer wieder zurück in die Welt da draußen. Sie zwingen uns, uns der Welt zu stellen. Ein unschätzbares Geschenk. Verhindert es doch Depression und Selbstaufgabe.
Über Kommentare zu lachen kann hilfreich sein. Eine Prise Humor lockert einfach alles auf. Am wichtigsten: Lache über dich selbst. Lache über deine Fehler. Sieh die kleinen Fehlerteufel als humorige Einlage in dem Film der dein Leben spielt. Es hilft nicht immer alles so ernst zu nehmen.
Wenn wir das alles beherzigen und beiseite legen, bleibt eine Stille im Herzen. Ein Strudel aus Gedanken kreist im Kopf und wir wissen nicht mehr, wer wir sind. Ich weiß, wie ich mit diesen liebevollen „Beratungen ohne Auftrag“ umgehen möchte. Ich atme erstmal durch und zähle bis Zehn. Mein Selbst bedankt sich für die Mitteilung. Denn scheinbar hat sich der Mensch die Mühe gemacht seine Gedanken zu äußern. Den Absender habe ich emotional berührt und sein Leben kurz mit meinem verbunden. Das kann ich einfach annehmen. Ich möchte gern verstehen, was hinter der Nachricht steckt und Lösungen finden. Manchmal überrollen mich diese Aussagen und meine Emotionen fahren Achterbahn. Dann kann und darf es auch gern mal ein paar Tage dauern bis ich es schaffe, dass sich meine Emotionen reguliert haben und ich mit meinem Gegenüber sprechen kann. Dann sind Gespräche angenehm. Dann führen sie zum Ziel und- was noch wichtiger ist- zu einem tiefen Verständnis für einander. Nimmst du dir die Zeit deine Gefühle und Gedanken zu sortieren? Suchst auch du nach Lösungen? Was bringt dich so richtig auf die Palme?
Im Hundeleben gibt es viele Emotionen und noch mehr Meinungen. Vor allem, wenn es darum geht, dass man etwas nicht so macht, wie das „Außen“ es gern hätte. Wenn wir nicht angepasst sind. Wenn wir anders sind. Aus dem Muster fallen. Dinge nicht so machen, wie es „All die anderen“ tun. Wir alle haben eine bestimmte Vorstellung bzw. Wahrnehmung von unseren Hunden. Aber entspricht dies dem Ideal? Ist es ganz nüchtern betrachtet die Perfektion? Gibt es das perfekte Leben mit unseren Hunden? Ist nicht jede Wahrnehmung auf ihre Art wahr? Ist nicht jeder Alltag mit Hund individuell und perfekt so wie er ist- solange niemand leidet?! Ganz klar, objektiv betrachtet werden kann es nur mit einer Videoaufnahme. Schonungslos. Ehrlich. Klar. Unsere Wahrnehmung ist das ganze Gegenteil. Emotional. Individuell. Im Tunnel der Erfahrungen. Selbst beim Betrachten ein und desselben Videos nehmen wir alle Unterschiedliches wahr. Verschiedene Blickwinkel. Andere Perspektiven. Sie sind eingefärbt durch unser Erleben. Unsere Vergangenheit. Die emotionale Bewertung des Gesehenen.Es kann bereichernd und wertvoll sein. Es kann zerstörerisch und nutzlos sein.
Schwierig und hoch emotional wird es, wenn uns jemand auf einen eklatanten Fehler aufmerksam macht. Ein Verhalten des eigenen Hundes, welches anstößt oder das Gegenüber verletzt. Ein Fehler, welchen wir nicht sehen können oder wollen. Wer möchte schon hören, dass er etwas in der Erziehung des Hundes falsch macht?
Wir suchen Ausflüchte. Drehen den Hund beim Tierarzt einmal von Innen nach Außen um eine Krankheit zu finden, die alles entschuldigt. Eine Diagnose kann man behandeln. Man ist nicht Schuld und muss sich nicht schämen. Ein herrliches Gefühl, alle Verantwortung abgeben zu können. Gern schieben wir die Schuld auch auf das Außen. „Sie lassen ja ihren Hund frei laufen. Selbst schuld!“. „Was rennt ihr Kind auch hier lang?“. „Wenn sie ihren Hund zu meinem lassen müssen sie damit rechnen, ihn nicht in einem Stück wiederzubekommen.“ und so weiter und so fort. Die Ausreden sind vielfältig. Doch liegt in ihnen die tiefe Erkenntnis, welche wir nicht wahrhaben wollen: Ich bin verantwortlich für mich und meinen Hund. Niemand anderes. Punkt.
Oft kommen Kund*innen mit dem Wunsch zu mir, „alles perfekt“ machen zu wollen. Wenn ich dann frage, was denn perfekt ist oder für wen sie es perfekt machen wollen, ist die einhellige Antwort : Damit die anderen nicht schlecht über uns reden. Wir wollen nicht auffallen. Uns gut einfügen in das gesellschaftliche Bild von Hund und Mensch. Als Trainerin habe ich den undankbaren Auftrag auch „Beratung ohne Auftrag“ auszuführen, sobald ich ein Verhalten wahrnehme, welches für den Hund oder Menschen oder die Umwelt gefährlich wird. Ungeschönte Wahrheit. Schonungslos. Ehrlich. Authentisch. Ja ihr werdet Fehler machen. Ja das Verhalten ist die Konsequenz aus deiner Erziehung. Du handelst stets nach besten Wissen und Gewissen. Das bedeutet, du lernst ein Leben lang etwas über dich und deinen Hund. Du wirst mit jedem neuen Hund etwas anders machen. Alles ist immer wieder neu und aufregend. Das, was bei dem einen Hund richtig war, kann jetzt falsch sein. Jeder Hund zeigt uns einen neuen Weg. Manchmal auch viele Irrwege. Wichtig ist mir, nicht allein zu sein. Niemandem ist geholfen, wenn das Süppchen allein vor sich hin kocht.
Ich äußere meine Meinung nicht ungefragt. Ich spreche wohlwollend und konstruktiv mit dir. Ich biete Lösungen und begleite dich gern auf deinem Weg. Ich sehe Hundetraining als Prozess. Man entwickelt sich und lernt mit einander. Meiner Erfahrung nach, hilft es nicht, meinem Gegenüber nur zu sagen, was er- in meinen Augen- falsch macht. Denn dies ist ja nur meine Sichtweise, nicht seine. Wahrnehmungen aussprechen empfinde ich als wichtig und richtig. Dabei wünsche ich mir einen Dialog. Einen Austausch von Wahrnehmungen über ein und dieselbe Szene. Dabei dann eine gemeinsame Lösung finden, mit der beide Seiten zufrieden sind.
Bleiben wir bei der Erwartung „fehlerlos“ zu sein. Fehler will doch keiner machen, dann sind wir ja nicht richtig. Meine Frage an dich: Ist das Bild, was andere von uns haben, wirklich so wichtig? Wichtiger als das Unsrige? Leben die anderen unser Leben? Haben sie das Recht uns zu beurteilen? Sie sehen einen Ausschnitt aus unserem Leben. Einen Bruchteil dessen, was so alles abläuft. Ist das die ultimative Wahrheit? Was, wenn sich kein Dialog einstellt? Wenn das Gegenüber nur brüllt um zu brüllen, um sich selbst mitzuteilen, aber an deinem Blickwinkel nicht interessiert ist?
Dann darfst du einfach antworten: Danke, lass uns einig sein, dass wir uns uneinig sind und das ist gut so. Als Trainerin frage ich dann immer „Und was wollt ihr eigentlich? Was möchtest du im Leben mit deinem Hund? Wie sieht dein Traumleben aus? Wenn du allein mit deinem Hund auf der Welt wärst, wie sähe euer Leben aus?“
Dann kommt wieder: Aber ich will doch keine Fehler machen! Diesmal soll doch alles richtig laufen!
Natürlich möchte niemand Fehler machen. Doch, warum eigentlich nicht? Nehmen wir doch einmal an, wir hätten nie Fehler gemacht beim Versuch laufen zu lernen. Könnten wir dann laufen? Wie hast du malen, singen oder tanzen gelernt? Hast du dich ausprobiert? Bist gescheitert? Hast einen neuen Weg probiert? Wenn wir Fehler neu buchstabieren finden wir heraus: Fehler sind auch nur Helfer!
Wertvoll und inspirierend. Als Kinder entdecken wir die Welt durch Versuch und Irrtum. In der Wissenschaft werden wir weise durch Ausprobieren und Scheitern. Warum erlauben wir uns das nicht im Leben? Warum dürfen wir mit unseren Hunden nichts wagen? Warum haben wir solche Angst vor diesen Helfern? Mit jedem Hund, der unser Leben begleitet dürfen wir dazulernen. Jeder Hund gibt uns neue Lerngeschenke. Nehmen wir sie an, wachsen wir über uns hinaus. Ich unterstütze dich aktiv dabei Fehler zu machen. Diese Lerngeschenke zu nutzen und neue Wege zu gehen. Kreativ zu werden. Dich auszuprobieren. Hundetraining ist ein Prozess, in dem wir uns dem Ziel auf verschiedenen Wegen annähern. Manchmal gehen wir Umwege. Manchmal befinden wir uns auf Irrwegen und müssen umkehren, doch niemals sollten wir aufgeben.
Jeder lebt mit seinem Hund einzigartig zusammen. Jeder hat andere Ziele und Wünsche. Es ist nicht mein Auftrag darüber zu urteilen, sondern dir zu helfen, deinem Herzen zu vertrauen und deinen Weg zu finden. Finde heraus, was du willst. Dabei kann dir dein Kopf nicht helfen. Fühle in dich hinein. Lausche deinem Herzen. Beobachte deine Hunde, sie zeigen dir den Weg. Und sie verzeihen dir alle Versuche auf dem Weg zum Ziel. Manchmal wünsche ich mir die Eigenschaft unserer Hunde- uns so zu nehmen wie wir sind- auf all die Menschen um uns herum zu übertragen.
Lasst uns einfach sein, wie wir sind. Gebt nicht ungefragt Ratschläge, Tipps oder auch Kritik. Fragt um Erlaubnis. Geht in den konstruktiven Austausch. Findet gemeinsam Lösungen oder seid euch einig, dass ihr euch uneinig seid. Atmet durch. Schließt Frieden. Mit euch und mit Rest der Welt. Nimm Fehler als das wahr, was sie sind: echte Lerngeschenke!
In diesem Sinne bis bald,
eure Lydia
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