Der Schwarz- Weiß- Ball oder wie die goldene Mitte verschwand


Ende letzten Jahres ging ein Video eines Hundetrainers viral. ich wollte mich nicht an dem Diskurs oder eher der Hexenverfolgung und des gegenseitigen Bashings beteiligen. Doch der gesamte Kontext, wie damit umgegangen wurde, vor allem im Social- Media- Bereich, macht mich nachdenklich. Und wie immer, wenn ich zu sehr grüble und die Gedanken kreisen, dann schreibe ich sie einfach auf. Schwupp, raus aus dem Kopf. Damit wieder Klarheit in meinen Gedanken herrscht und ich mich wichtigen Dingen widmen kann.

Für mich ist klar, dass Gewalt nichts in unserer Welt zu suchen hat. Vor allem nicht, wenn man professionell mit Lebewesen, in dem Fall mit Hunden arbeitet. Ich dachte ja die Definition von Gewalt ist eindeutig und für alle gleich. Dass Gewalt nicht gleich Gewalt ist, merkt man, wenn man sich die Posts und Meinungen der Leute anschaut. Sobald Menschen im Spiel sind, geht es nicht mehr um neutrale Betrachtung und klare Diskurse. Es geht um Emotionen und subjektive Wahrnehmung.

Schauen wir erst einmal auf die Definition von Gewalt. Im Wörterbuch findet man unter „Ge-walt“ die Macht oder auch Befugnis, Recht & Mittel über jemanden oder etwas zu bestimmen. „Etwas in der Gewalt haben“. Es ist die rücksichtslos angewandte Macht und unrechtmäßiges Vorgehen. Meistens verwenden wir das Wort „Gewalt“ im Zusammenhang mit physischem oder/und psychischen Zwang Menschen oder Lebewesen gegenüber, welche einer fremden Herrschaft unterworfen und geschädigt werden. Gewalt kann von einer Person bzw. einem Individuum ausgehen oder von einem Kollektiv, einer gesellschaftlichen Institution, sozialen Strukturen und Ideologien wie dem Totalitarismus.

Es gibt sie als Dauerzustand, langfristiges oder einmaliges Ereignis. Empfunden werden kann sie unterschiedlich. Ob physisch oder psychisch ausgeübt, ob ordnend oder zerstörend ist die Wahrnehmung als legitim oder illegitim etwas sehr Persönliches und beruht auf den Erfahrungen des Individuums. Spannend finde ich auch, dass Gewalt und Aggression häufig synonym verwendet werden. Dabei kann Aggression Gewalt fördern oder auch hemmen. Gewalthandlungen entstehen in sozialen Situationen. Sie sind bedingt durch gesellschaftliche Strukturen, haben meist eine Geschichte. Sie beruhen auf bewussten Entscheidungen, meistens jedenfalls…im Falle eines Krieges zum Beispiel können sie auch langfristig geplant sein. Gewalttaten sind das Ergebnis einer gesellschaftlichen Entwicklung. Aggression im Gegenzug ist natürlich. Sie gehört zur normalen sozialen Ausdrucksweise von höher entwickelten Lebewesen.

Da Gewalthandlungen also eine Entwicklung durchlaufen gibt es Kulturen, welche Gewalt ablehnen bzw. wo Gewalt kaum vorhanden ist, und es gibt Kulturen, in denen Gewalt vorherrscht. Als legitim werden meist Mittel zur politisch oder religiösen Zielerreichung angesehen. Es gibt auch mehrheitlich akzeptierte Gewalt zum Beispiel als Gewaltmonopol eines Staates. Dem gegenüber steht der Pazifismus, zu dem ich mich definitiv zähle!

Damit ist auch klar, dass Gewalt zu jeder Zeit und von jedem Individuum anders bewertet wird. Denken wir ein, zwei Generationen zurück. Oder nicht mal so weit. Bis in meine Grundschulzeit reicht auch schon 😉 Da galt es als normal, dass der Lehrer oder die Lehrerin dir einen dicken, fetten Schlüsselbund an den Kopf geworfen hat, als Konsequenz für auffälliges Verhalten. Sprich, ich hatte im Unterricht unerlaubt mit meiner Banknachbarin geschnackt. Oder meinem Vater gab es das Lineal über die Handaußenfläche gezogen, wenn das Hausaufgabenheft liederlich geführt wurde. Oder die berühmte Backpfeife, Ohrfeige, Popoklatsche. Das sind alles Beispiele für physische Gewalt. Psychische Gewalt ist nach wie vor noch weit verbreiteter, da sie unsichtbar wirkt. Gerade im Social- Media- Zeitalter steht Cybermobbing ganz hoch im Kurs. Sich mit „Gewalt“ im gesellschaftlichen Kontext zu befassen ist ungemein spannend und deprimierend gleichermaßen.

Beziehen wir das jetzt mal auf die Tierwelt. Dann spreche ich mal von „Tierquälerei“. Denn das ist ein guter Oberbegriff, zu dem ich auch die „Gewalt“ zähle. Schauen wir in das Tierschutzgesetz und zitieren §3

„Es ist verboten,

1.einem Tier außer in Notfällen Leistungen abzuverlangen, denen es wegen seines Zustandes offensichtlich nicht gewachsen ist oder die offensichtlich seine Kräfte übersteigen,

1a. einem Tier, an dem Eingriffe und Behandlungen vorgenommen worden sind, die einen leistungsmindernden körperlichen Zustand verdecken, Leistungen abzuverlangen, denen es wegen seines körperlichen Zustandes nicht gewachsen ist,

1b an einem Tier im Training oder bei sportlichen Wettkämpfen oder ähnlichen Veranstaltungen Maßnahmen, die mit erheblichen Schmerzen, Leiden oder Schäden verbunden sind und die die Leistungsfähigkeit von Tieren beeinflussen können, sowie an einem Tier bei sportlichen Wettkämpfen oder ähnlichen Veranstaltungen Dopingmittel anzuwenden,

2.ein gebrechliches, krankes, abgetriebenes oder altes, im Haus, Betrieb oder sonst in Obhut des Menschen gehaltenes Tier, für das ein Weiterleben mit nicht behebbaren Schmerzen oder Leiden verbunden ist, zu einem anderen Zweck als zur unverzüglichen schmerzlosen Tötung zu veräußern oder zu erwerben; dies gilt nicht für die unmittelbare Abgabe eines kranken Tieres an eine Person oder Einrichtung, der eine Genehmigung nach § 8 Absatz 1 Satz 1 und, wenn es sich um ein Wirbeltier handelt, erforderlichenfalls eine Genehmigung nach Vorschriften, die auf Grund des § 9 Absatz 3 Nummer 1 und 2 erlassen worden sind, für Versuche an solchen Tieren erteilt worden ist,

3.ein im Haus, Betrieb oder sonst in Obhut des Menschen gehaltenes Tier auszusetzen oder es zurückzulassen, um sich seiner zu entledigen oder sich der Halter- oder Betreuerpflicht zu entziehen,

4.ein gezüchtetes oder aufgezogenes Tier einer wildlebenden Art in der freien Natur auszusetzen oder anzusiedeln, das nicht auf die zum Überleben in dem vorgesehenen Lebensraum erforderliche artgemäße Nahrungsaufnahme vorbereitet und an das Klima angepasst ist; die Vorschriften des Jagdrechts und des Naturschutzrechts bleiben unberührt,

5.ein Tier auszubilden oder zu trainieren, sofern damit erhebliche Schmerzen, Leiden oder Schäden für das Tier verbunden sind,

6.ein Tier zu einer Filmaufnahme, Schaustellung, Werbung oder ähnlichen Veranstaltung heranzuziehen, sofern damit Schmerzen, Leiden oder Schäden für das Tier verbunden sind,

7.ein Tier an einem anderen lebenden Tier auf Schärfe abzurichten oder zu prüfen,

8.ein Tier auf ein anderes Tier zu hetzen, soweit dies nicht die Grundsätze weidgerechter Jagdausübung erfordern,

8a.ein Tier zu einem derartig aggressiven Verhalten auszubilden oder abzurichten, dass dieses Verhalten

a)bei ihm selbst zu Schmerzen, Leiden oder Schäden führt oder

b)im Rahmen jeglichen artgemäßen Kontaktes mit Artgenossen bei ihm selbst oder einem Artgenossen zu Schmerzen oder vermeidbaren Leiden oder Schäden führt oder

c)seine Haltung nur unter Bedingungen zulässt, die bei ihm zu Schmerzen oder vermeidbaren Leiden oder Schäden führen,

9.einem Tier durch Anwendung von Zwang Futter einzuverleiben, sofern dies nicht aus gesundheitlichen Gründen erforderlich ist,

10.einem Tier Futter darzureichen, das dem Tier erhebliche Schmerzen, Leiden oder Schäden bereitet,

11.ein Gerät zu verwenden, das durch direkte Stromeinwirkung das artgemäße Verhalten eines Tieres, insbesondere seine Bewegung, erheblich einschränkt oder es zur Bewegung zwingt und dem Tier dadurch nicht unerhebliche Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügt, soweit dies nicht nach bundes- oder landesrechtlichen Vorschriften zulässig ist,

12.ein Tier als Preis oder Belohnung bei einem Wettbewerb, einer Verlosung, einem Preisausschreiben oder einer ähnlichen Veranstaltung auszuloben,

13.ein Tier für eigene sexuelle Handlungen zu nutzen oder für sexuelle Handlungen Dritter abzurichten oder zur Verfügung zu stellen und dadurch zu artwidrigem Verhalten zu zwingen.

Satz 1 Nummer 12 gilt nicht, wenn das Tier auf einer in Satz 1 Nummer 12 bezeichneten Veranstaltung ausgelobt wird, bei der erwartet werden kann, dass die Teilnehmer der Veranstaltung im Falle des Gewinns als künftige Tierhalter die Einhaltung der Anforderungen des § 2 sicherstellen können.“

(Quelle: https://www.gesetze-im-internet.de/tierschg/BJNR012770972.html)

Hierbei wird besonders im Abschnitt 5 deutlich wie wir Trainer und Trainerinnen arbeiten dürfen. Nämlich ohne Leid, Schmerz oder Schäden zuzufügen. Nun ist Leid wieder wie Gewalt eine Definitionssache…ihr seht schon, es wird kompliziert und das erklärt auch mein Gedankenkarussell zu dem Thema.

„Leid“ per Definition im Duden bedeutet 1. tiefer seelischer Schmerz als Folge erfahrenen Unglücks und 2. Unrecht, Böses, das jemandem zugefügt wird. (nachzulesen in der Quelle: https://www.duden.de/rechtschreibung/Leid). Für den Hund frage ich mich dann 1. wie erkennen wir seelischen Schmerz als Folge von erfahrenem Unglück? und 2. was empfindet der Hund als Unrecht, welches ihm angetan wird?

Leid ist in dem Fachbuch „Ausdrucksverhalten beim Hund“ von Dorit Urd Feddersen- Petersen definiert (zum Bestellen und weiterlesen, ganz als unbezahlte Werbung: https://www.kosmos.de/de/unsere-autoren/dorit-feddersen-petersen) Dorit U. Feddersen- Petersen hat hierfür erst einmal Normalverhalten eines Haushundes definiert und mit ihren wilden Artgenossen beziehungsweise dem Wolf verglichen. Nur so kann man dann abnormales Verhalten, sprich Leiden herausfinden. Dass dies nicht einfach ist, sondern hoch komplex ist nur logisch. Denn Hund und Mensch sind als Säugetiere sehr ähnlich gestrickt. Auch stellt sie fest, dass man den Haushund nicht oder nur wenig mit dem freilebenden, wilden Wolf vergleichen kann. Der Haushund hat eine eigene Genetik, Aufzucht und Haltung. Hier kommt es dann zu Leid, wenn der Haushund in einer Umwelt lebt, die nicht der Umwelt entspricht, die evolutionär, domestikationsbedingt und durch Zuchtwahl induzierte Einpassung und Besonderheit ihre Verhaltenssteuerung erfolgt.

  • Mensch bedenke also, was du dir ins Haus holst! Nicht jeder Hund passt in jeden Alltag. Das ist vernünftigen Trainern und Trainerinnen schon lange bekannt. Gute Kolleginnen und Kollegen bieten Beratungen vor dem Hundekauf an. Wird so gut wie nie genutzt. Wäre präventiv aber Gold wert und würde so manches „Kind vor dem In den Brunnen fallen“ und dem Hund vor der Abgabe oder schlimmer dem Tod bewahren.

Leid wird kaum objektiv in diesem Zusammenhang gesehen. Und genau da liegt für mich der Hase im Pfeffer. Wir sind nun mal subjektiv in unserer Wahrnehmung. Wir bewerten Situationen aufgrund unserer Lebenserfahrung. Wir urteilen. Unsere Gehirne arbeiten gern in Schubladen, das sorgt für weniger Stress, das heißt auch, wir schauen manchmal nicht genau hin und haben schon eine Meinung. Noch schwieriger wird es dann, wenn uns Kontext fehlt. Die wenigsten fordern Kontext ein. Sie sehen ein Bild oder ein zehn Sekunden langes Video und bilden sich eine Meinung. Meinungen werden dabei häufig mit Wissen verwechselt. Sie meinen dann zu wissen, was genau passiert.

Damit das klar ist, ich relativiere nicht das Video des vermeintlichen Kollegen. Dieses ist mehr als eindeutig, auch neutral beobachtet und ist auch von mir aufs schärfste zu verurteilen! Diese Art von physischer Gewalt ist indiskutabel, denn wir wissen, es geht anders! Physische Gewalt ist leicht zu erkennen, denn zugefügter Schmerz ist auch beim Hund sehr gut im Ausdrucksverhalten zu erkennen. Auch ein entstandener Schaden wie hinkende Beine oder Risse, Blutungen etc. sind sofort zu erkennen. Auch Leid ist nach „Ausdrucksverhalten beim Hund“ von Dorit Urd Feddersen- Petersen erkennbar.

Wissenschaftlich fundiertes und modernes Hundetraining kommt ohne die Zufügung von „Gewalt“ aus und damit meine ich physische und psychische. Wobei letztere bei Hunden schwer zu erkennen und bewerten ist. Denn sie hängt eben sehr von der Empfindung des betroffenen Hundes ab.

Kommen wir jetzt zu dem, was mich umtreibt. Man hätte denken können, die Hunde-Bubble rauft sich zusammen ala einer für alle und alle für einen. Mit Fackeln und Forken gegen diesen „Abtrünnigen“. Doch nur ein Teil der Community vereint sich. Die Mehrheit zerstreut sich und nicht nur das. Man stürtzt sich auf einander. Man übertrumpft sich in Schimpfwörtern und Denunziationen. Man spioniert sich aus. Man wird hoch emotional und verteufelt. Es geht in die Extreme. Etwas, was mir noch nie lag. Ich bin ein Mensch, der gesunden Menschenverstand mag. Ich bin von der goldenen Mitte, ich lasse die Kirche im Dorf und denke pragmatisch.

Doch was nun abgeht entzieht sich meinem Verstand. Ein Schwarz und Weiß entsteht. Es werden Hunde reduziert auf simple Reiz-Reaktions-Maschinen. Die operante Konditionierung wird geheiligt und verteufelt gleichermaßen. Denn positive Belohnung zählt. „Für jedes Problem gibt es einen Keks“. Das negative und vor allem das Wort „Strafe“ wird ausgelassen bzw. vernichtend beschimpft. Das entgegengesetzte Lager verdammt die „Wattebauschwerfer“ und Positivpetras. Man muss ja einen Hund von der Sorte „hart“ rannehmen. Was auch immer das heißt. Es wird immer extremer. Graustufen verschwinden.

Was passiert nun mit der goldenen Mitte? Wo sind sie hin die Graustufen? Wir wissen, dass operante Konditionierung aus vier Quadranten besteht. Alle haben Daseinsberechtigung, alle sind notwendig zur Konditionierung auf diese Art. Und wir wissen, dass ein Hund nicht nur eine konditionierte Supermaschine ist. Leckerli löst nicht alle Probleme. Hart rannehmenn auch nicht. Schwarz und weiß ist nicht alles in der Welt.

Bedenklich finde ich die Entwicklung, die jetzt geschieht. Viele Trainer und Trainerinnen wenden sich ab. Machen sich klein, verschwinden ganz.

Nun fängt die Mitte an sich zu rechtfertigen für ihre Methoden. Aus Strafe wird Korrektur. Aus Korrektur nur ein Impuls. Bloß nicht auffallen. Bloß nicht angezeigt werden. Bloß keine Farbe bekennen.

Es ist wie ein Krieg. Es macht mich müde. Ich war schon immer eher Social- Media- vermeidend. Es bestärkt mich wieder darin, mich in dieser Bubble nicht zu bewegen. Das wirkliche Leben findet offline statt. Ich poste nicht Content Creator like. Ich schreibe nicht bis mir die Finger bluten. Ich bin kein Influencer- Hundetrainer. Ich arbeite und lebe in der realen Welt. Und dort mache ich meinen Job sehr gut. So wie viele andere auch. Doch genau in dieser Internet-Bubble formiert sich auch Gutes. Viele, die räumlich weit getrennt sind, können sich zusummenfinden. Sich bestärken und Halt geben. Und ganz vielleicht keimt ein Wunsch in mir auf:

Lasst uns, uns auf das Wesentliche konzentrieren. Lasst uns wieder gemeinsam statt gegeneinander arbeiten. Wir haben alle das gleiche Ziel. Wir wollen alle gesunde, glückliche Hunde und Menschen. Wir möchten einen kompatiblen Alltag, in dem Hund und Mensch gesehen und gehört sind. Einen Alltag in dem die Bedürfnisse aller erfüllt sind bzw. beide Seiten Kompromisse zur besten Art und Weise eingehen um das bestmögliche Leben zu leben. Jeder von uns, der mit Menschen und ihren Hunden arbeitet hat seinen Schwerpunkt. Wir müssen uns nichts beneiden, wir nehmen uns nichts weg. Denn meine Kunden sind nicht deine Kunden. Deine Kunden sind nicht meine Kunden und allen können wir helfen. Wenn wir gemeinsam nach vorn sehen und die goldene Mitte wiederfinden.

Manchmal kommt es mir vor wie ein Märchen. Dunkel und düster. Die goldene Kugel ist in den Brunnen gefallen. Wo bleibt der Froschkönig und holt sie wieder hervor? Vielleicht ist es auch nur die schlechte Version des Märchens…vielleicht ist es nur ein Traum….vielleicht wachen wir alle morgen auf und verstehen uns & die Hunde wieder.

Bye, bye

Lydia

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