Hunde brauchen Hunde-Die Bedeutung von sozialen Kontakten für Hunde


Warum die richtigen sozialen Kontakte für deinen Hund wichtig sind und weshalb wir Qualität der Quantität vorziehen, will ich dir in diesem Artikel erklären.

Hunde brauchen Hunde. Ein Satz wie er provokanter für mich nicht sein könnte. Denn wir Menschen haben Jahrtausende eingegriffen in das System „Hund/Wolf“ und alles auf den Kopf gestellt. Natürlich freut sich die Mehrzahl aller Hunderassen über hündische Kontakte. Aber manche auch nicht. Manche wollen quantitativ Kontakte, andere ausgewählte, qualitative Kontakte und manche nehmen lieber den Menschen, wenn sie es sich aussuchen können. Wer sind wir dann, dass wir ihnen vorschreiben mit wem sie wann Kontakt halten?

„Geh doch mal spielen!“, „Der will nur mal Hallo sagen!“, „Oh ein Hund wie schön, da gehst du jetzt mal hin und schaust.“, „Ach der tut nix, der will nur spielen.“

Kommt dir einer dieser Sätze in deinem Hundeleben bekannt vor? Hörst du noch andere Sätze, die darauf schließen lassen, dass dein Hund inflationär Kontakt zu Fremdhunden halten soll? Lass es mich gern in den Kommentaren wissen, welche Sätze dir so unterkommen.

Immer wieder stelle ich fest, wie wenig wir eigentlich über Hunde und ihr Verhalten wissen und doch so viel Meinung zu dem Thema haben. An dieser Stelle sei versichert: Hunde brauchen Hunde, bedingt! Schau ganz individuell auf deinen Hund und seine Bedürfnisse. Welche Rasse steckt in deinem Hund? Wofür wurde sie gezüchtet?

Ein Beispiel: Der Beagle ist ein Meutehund. Gezüchtet für die Begleitung auf der Jagd in großen Verbänden von bis zu 30/40 Hunden. Das bedarf eines friedvollen und freudigen Umgangs mit Artgenossen um zu überleben. Kein Jäger hätte etwas davon, wenn sich die Hunde gegenseitig attackieren oder schlimmeres. Sondern sie sollen und müssen miteinander arbeiten und leben.

Währenddessen der Akita für ganz andere Zwecke gezüchtet wurde. Als Wach-, Zug- und später Jagdhund sollte er Fremden gegenüber misstrauisch sein und keine fremden Artgenossen auf das Territorium lassen. Ein eigenständig handelnder Hund, der Entscheidungen treffen muss und es gewohnt ist allein oder mit wenig Artgenossen zu leben. Völlig verständlich, dass die meisten Vertreter dieser Rasse in Hundegruppen weder freudig noch friedvoll sind. Meist sieht man ihnen die Erleichterung an, wenn sie vom Hundestrand oder dem Hundeauslaufgelände wieder runter können.

Das heißt jetzt bitte nicht, dass du deinem Hund Kontakte zu Artgenossen vorenthälst! Lass ihn seine Freunde einfach selbst wählen. Wenn dein Hund zwei beste Freunde hat und damit ausgeglichen wirkt, dann ist das gut so. Findet dein Hund andere Hunde großartig, dann immer rauf aufs Hundegelände und rein in die Menge. Möchte dein Hund eher keinen Kontakt zu anderen, dann ist das völlig in Ordnung und du darfst deinem Hund zeigen, dass du sein Bedürfnis nach Distanz und Verweigerung der Kontaktaufnahme annimmst. Es gibt kein „Muss“ in einer Hundebegegnung.

Stell dir einmal vor wir würden unseren Kindern beibringen, dass sie Menschen sind und deshalb jedem Menschen „Hallo“ sagen müssen. Denn Menschen brauchen ja Menschen! Also nimmst du dein Kind an die Hand und führst es zu jedem Menschen. Blindlings draufloslassen. Ich bin sicher, dein Kind und alle fremden Menschen werden diese Begegnungen sehr genießen und das wiederholen wollen. Oder vielleicht doch nicht? Fühlt sich dein Kind vielleicht überfordert mit der Situation? Mag der fremde Mensch angesprochen und angefasst werden? Braucht es für einen kompetenten Umgang mit Menschen zahllose, willkürliche Begegnungen mit Menschen? Welche Menschen haben dich geprägt im Umgang mit anderen? Menschen, die du zufällig auf der Straße triffst oder Menschen, die dich länger begleiten? Menschen, die Vorbild für dich sind? Welche Eigenschaften haben sie? Was fasziniert dich an ihnen und wie lange haben sie dein Leben begleitet?

Merkst du etwas?

Willkürliche und zahllose Hundebegegnungen ergeben nicht viel Sinn! Was lernt dein Hund dabei? Kann er sich dadurch wirklich besser benehmen? Lernt er mit anderen Artgenossen umzugehen, wenn er jeden Tag neue Hunde kennenlernt? Wer mehrere Hunde hält, weiß um den Qualitätsvorteil einer festen Gruppenstruktur. Welpen, die in eine stabile Gruppe kommen und dort groß werden zeigen ein erstaunliches Maß an Sozialkompetenz Artgenossen gegenüber. Währenddessen der Welpe, welcher als „Einzelhund“ aufwächst und zahllose, wechselnde Hundekontakte hat, sich weiter instabil in der Sozialkompetenz Artgenossen gegenüber entwickelt. Die richtigen Hunde braucht es. Souveräne, stabile, erfahrene Hunde, die kompetent die Welt erklären.

Das bedeutet für dich: Wir suchen die Nadel im Heuhaufen! Solche erwachsenen Hunde sind selten anzutreffen. Manchmal hat man sie im näheren Umfeld gar nicht. Noch schwieriger wird es, die stabilen Hunde von den instabilen Hunden zu unterscheiden. Wenn du jetzt denkst: Oh Gott, ich kann so viele Hunde nicht lesen. Sei beruhigt! Bei der Vielzahl an Rassen und Mischlingen fällt es generell schwer, alle Hunde lesen und verstehen zu können.

Es ist ein alter Irrglaube, dass Hunde alles unter sich regeln. Ja in einer stabilen Gruppe oder einem Familienverband können Hunde das. Aber wer hat das schon?Souveräne, erfahrene Hunde können regeln, aber wer erkennt einen souverän agierenden Hund wirklich?

Wir sind für unsere Hunde verantwortlich. Das heißt, DU bist verantwortlich dafür wie sich DEIN Hund benimmt. Du bestimmst mit, wie sich dein Hund entwickelt und was er lernt.

Ich möchte dir Stück für Stück bestimmte Verhaltensweisen erklären und Tipps geben, wie du deinen Hund im Umgang mit Artgenossen unterstützen und begleiten kannst.

Einmal habe ich mit einer Gruppe am Strand trainiert. Es war eine kleine Gruppe und der Strand völlig leer. Ich bot an, die Hunde mal in den freien Kontakt zu lassen und zu moderieren, was wir da sehen. Alle stimmten zu und ich fragte, wie sich die Hunde im Kontakt verhalten.

Kundin Nr. 1, ich nennen sie Anna sagte: „Meine kleine Hündin Ally fordert die anderen immer zum spielen auf. Sie rennt weg und die anderen hinterher. Wenn die nicht hinterher rennen, probiert sie es solange bis sie rennen.“

Kundin Nr. 2, ich nenne sie Becca sagte: „Mein kleiner Rüde Bruno ist sehr interessiert an Mädels und geht direkt hin. Er schnüffelt dann intensiv an dem Fremdhund.“

Kundin Nr. 3, ich nenne sie Christa sagte: „Die letzten drei Tage waren meine Hündin Cleo und ich am Strand und alle Begegnungen liefen super. Keine Probleme.“ Auf die Frage, wie ihre Hündin denn reagiert antwortete sie nicht.

Ich kenne alle drei Hunde und habe eine Idee, was passieren wird. Du auch? Teil deine Gedanken dazu gern in den Kommentaren.

Eingehen möchte ich heute auf Anna und Ally. Die Hündin, die im Erstkontakt spielen möchte. dafür machen wir einen kurzen Exkurs in hündisches Verhalten und hündische Strategien im Umgang mit unbekannten Situationen.

Wenn souverän agierende Hunde sich kennenlernen, dann zeigen sie immer ähnliches Verhalten, wenn folgendes Ziel klar ist: Vermeidung von Beschädigungen. Begegnen sich also zwei fremde Hunde, die „keinen Streß“ wollen, wirst du folgendes beobachten: Es werden deeskalierende Signale beidseits gesendet. Man wendet den Blick, meist auch das Gesicht ab. Man blickt sich nicht direkt an, sondern mustert die Bewegung des Gegenübers. Die Ruten werden leicht aufgestellt, wenig Spannung im Körper. Die Ohren sind aufmerksam aufgerichtet oder werden leicht angelegt. Man geht einen leichten Bogen, präsentiert eher die Flanke und geht mit der Nase in Richtung Analgegend bei dem jeweils anderen. Sie beschnüffelt sich- nimmt also geruchlich alle Informationen auf, die man vom Gegenüber sammeln kann. Jeder zieht seine Schlüsse daraus. Je nach Sympathie geht man sich entweder seiner Wege oder lernt sich intensiver kennen.

Wenn Hunde unsicher sind oder eine Situation als unbekannt einschätzen, haben sie klare Strategien im Umgang damit. Das Ziel ist hier meist eine Vermeidung der Situation. Sie wollen also nicht in den Hundekontakt, weil sie meist nicht wissen, wie sie mit dem anderen Hund umgehen sollen. Welche Strategie sie wählen ist von vielen Faktoren abhängig. Welche Genetik steckt in dem Hund, welche Erfahrungen hat der Hund gemacht oder wurden durch die Mutterhündin mitgegeben? Es ist eine hochkomplexe Thematik. Für Trainer*innen sehr spannend, für dich als Hundemensch, weniger wichtig. Wichtig ist nur das Erkennen der Strategie und das Wissen, wie du deinen Hund unterstützen kannst.

Heute geht es um folgende Strategie:

Ally fordert alle fremden Hunde zum spielen auf, in dem sie wegläuft und die anderen folgen.

Als kleine Erinnerung: Im Hundekontakt geht es um Informationssammlung über das Beschnüffeln des jeweils anderen in der Analregion. Du kannst mal die Zeit stoppen, bis dein Hund in einer Begegnung am anderen Hund schnüffelt. Vielleicht wirst du überrascht sein, wie lange es dauert! Was macht dein Hund in einer Hundebegegnung? Beschreib das Verhalten gern in den Kommentaren!

Wir haben unsere drei Hunde Ally, Bruno und Cleo losgelassen und folgendes ist passiert: Ally rannte in großen Bögen los. Cleo hinterher und Bruno ist ein Stück mitgerannt. Bruno blieb dann stehen und kam zu Becca zurück. Ally und Cleo rannten weiter. Fast wären sie auf die Strandpromenade oder noch weiter auf die Straße gelaufen, wäre da nicht ein Zaun. Beide in dem Moment nicht ansprechbar oder abbrechbar. Ich brauche nicht erwähnen, dass bei dem Tempo, was Hunde im Rennen haben, wir Menschen im Sand nicht hinterher kommen. Egal wie schnell wir rennen. Es blieb uns nur abzuwarten.

Ally blieb dann stehen. Cleo blieb mit stehen. Puh, Schwein gehabt, das hätte auch anders ausgehen können. Keine von beiden nahm Kontakt zur jeweils anderen auf. Stattdessen rannte Ally wieder los und Cleo hinterher. Das Ganze ging dann noch ein drittes Mal los. Da hab ich das Laufmuster erkannt und konnte unterbrechen.

Weshalb Ally das macht und welche Gefahr das birgt, will ich dir erklären. Würde Ally die anderen Hunde in Bewegung setzen wollen, um sie besser lesen zu können, dann würde sie diese Hunde schicken. Sie würde diese Hunde bewegen, wie z. Bsp. Hütehunde ihre Herden treiben. Räume einnehmen, räumlich trennen, Bewegung abschneiden, treiben, Tempo erhöhen und dirigieren. Manchmal sieht es aus wie Schach spielen. Der „Schachspielende“ Hund, bewegt den anderen wie Schachfiguren auf dem Brett. Macht der andere mit, ist alles in Ordnung. Wehrt sich der andere, wird es ungemütlich zwischen den beiden. Ally jedoch rennt ja weg.

Dabei zeigt sie kein Stoppen, kein Nachsehen ob der andere darauf eingeht. Sondern sie schaut stur geradeaus und zieht ihre Kreise. Ich blicke in ihr Gesicht und erkenne Streßanzeichen. Ihr Körper ist sehr angespannt. Bewegungen werden zackig ausgeführt. Es ist nichts weich oder übertrieben in der Bewegung. Klare Signale dafür, dass dies kein Spiel ist!

Nach dem Anleinen gebe ich ihr die Möglichkeit ruhig in den Kontakt zu gehen und sie zeigt sich überfordert und unsicher. Ein weiteres Indiz für meine Vermutung, was es mit dem „Rennen“ auf sich hat.

Ally ist noch jung und dementsprechend unerfahren im Umgang mit Artgenossen. Eine gewissen Überforderung im freien Umgang ist die Folge. Sie löst es strategisch durch Bewegung. Bewegung entstresst, es löst innere Spannungen. Erkennbar für mich am Bewegungsmuster- sie rennt die immer gleichen Kreise, wartet nicht auf ihr Gegenüber und die Position wechselt nicht, d.h. sie bleibt immer die „Weglaufende“. Am Gesicht- sie zeigt ein Streßgesicht und kein Spielgesicht, alles ist angespannt und nach hinten gezogen. Und ich erkenne es daran, dass sie- sobald sie angeleint ist und die Möglichkeit des Kontaktes hat- unsicher ist und nicht weiß, wie sie in den Kontakt gehen soll.

Mein Tipp für Ally:

Face- to- Face- Kontakte mit ruhigen erwachsenen Hunden. Im Freilauf die Schleppleine nutzen, um das Rennen zu unterbrechen. Angeleinte Kontakte, ruhige Annäherungen loben. Aufpassen bei Hundekontakten wie Cleo, die das Hinterherrennen bedienen. Im Sinne von: Sie jagen hinterher

Cleo ist auch noch jung und bringt eine gewissen Affinität für Bewegungs-reizverfolgung rassebedingt mit. Anders ausgedrückt, sie jagt gern! Impulsiv folgt sie dem Hund, der wegrennt. Bleibt dieser Hund stehen, bleibt sie auch stehen. Geht dabei jedoch nicht in den Kontakt, sondern wartet darauf, dass der Bewegungsreiz „Hund“ wieder losläuft. Hast du diese Situation schon einmal gesehen oder erlebt?

Was passiert, wenn Hunde jagen? Das Gehirn schüttet Dopamin aus. Dies ist ein Botenstoff, der umgangssprachlich Glück auslöst. Es erhöht die Vorfreude auf etwas und die Motivation für eine Handlung. Sprich: Der Hund wird das Verhalten häufiger zeigen, da es sich selbst belohnt. Dieser Zustand macht gern süchtig, das heißt Hunde- wie auch Menschen- suchen diesen Zustand vermehrt. Sie fordern dann das „Wegrennen“ des Fremdhundes geradezu ein um den „Kick“ zu bekommen.

Häufig zu sehen bei sogenannten „Balljunkies“. Hunde, die das Ball werfen zur Suchtbefriedigung benötigen.

Was lernt Cleo hier? Hunde hetzen macht Spaß! Sie bekommt Lust darauf.Das KANN dazu führen, dass sie genau das im Kontakt einfordern wird. Sie wird ein „Mobber“, sie hetzt andere Hunde. Das ist alles ein KANN, kein MUSS! Je häufiger die Kontakte so aussehen, desto wahrscheinlicher wird Cleo das Verhalten zeigen.

Hier liegt eine große Gefahr für Ally. Hunde, die hetzen, kippen schnell in natürliches Beutefangverhalten. Das bedeutet, wenn Ally stehen bleibt, packen sie zu und schütteln. Es gilt also frühzeitig Ally beizubringen, dass sie nicht bei jedem Hund weggrennen sollte und für Cleo bedeutet es, andere Hunde werden nicht gehetzt. Damit es bei Cleo nicht zu einer Verstärkung des Verhaltens kommt oder sie sogar noch ins packen und schütteln kommt.

Mein Tipp für Cleo:

Cleo ist im freien Kontakt mit Hunden an der Schleppleine. Hinterherrennen wird aktiv unterbrochen. Ein Abbruchsignal wird aufgebaut und stabil umgesetzt! Hier braucht sie klare Führung durch Christa. Das ist ein Verhalten, welches wir nicht dulden.

Des weiteren braucht auch Cleo ausgewählte Kontakte zu ruhigen, erwachsenen Hunden, die ihr zeigen, wie man souverän Kontakt aufnimmt.

Auch Cleo zeigt an der Leine Unsicherheiten im Umgang mit Artgenossen. Sie geht nicht schnüffeln. Sie nimmt keinen Kontakt mit anderen auf. Durchaus eine rassetypische Verhaltensweise. Sie sind skeptisch und ablehnend fremden Hunden gegenüber, jedoch holen sie sich ihre Informationen! Dies macht Cleo nicht, also ist auch hier Handlungsbedarf für Christa um Cleo gut zu unterstützen.

Zusammenfassend für dich:

Ally wählt als Strategie im Umgang mit fremden Hunden das „Flight“. Sie flüchtet und geht auf Distanz. Das geschieht bei ihr aus entwicklungsbedingter Unsicherheit im Kontakt. Bei Fremdhunden kann das dazuführen, dass sie hinterherhetzen. Hetzen aktiviert Glückshormone und macht damit süchtig. Auch kann es den Hund in das Beutefangverhalten, sprich Jagen, triggern. Damit besteht potenzielle Lebensgefahr für Ally! Dieses Verhalten muss von Menschen aktiv unterbrochen werden. Selten erlebe ich, dass ein souveräner Hund in der Gruppe ist, dieser unterbricht das auch. Meist jedoch ist es eine Gruppe „Halbstarker“, die dann alle hinterherhetzen und keiner findet ein Ende oder es ist ein Ende mit Schrecken für den wegrennenden Hund.

Schreib mir gern deine Gedanken zu diesem Thema in die Kommentare!

eure Lydia

PS: Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und realen Handlungen sind rein zufällig und nicht relevant. Es geht mir um die Darstellung von Hundeverhalten allgemein im Kontakt. Wir sind für unsere Hunde verantwortlich und können ihnen helfen sozial kompetent und souverän zu agieren.

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